Referenzen

 


8.2.2009, Sonntag Aktuell

Violinen aus dem Backofen

von Maren Hoepfner

Flugzeugingenieure räumen mit einem Vorurteil auf: Eine gute Geige braucht edles Holz. Sie dagegen verwenden Carbon, also einen Kunststoff. Sein Klang kann sich hören lassen, sagen Profimusiker.

Schwarz, glänzend, synthetisch – so sieht sie aus, die Kunststoffgeige. Was würden alte Geigenbaumeister sagen, wenn sie ..... mehr

 

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Sonntag Aktuell

 


30.12.2006, Leonberger Kreiszeitung

Kohlenstoff zum Klingen bringen - Karbongeigen aus Rutesheim

von Martina Zick

Rutesheim. "Klingt die überhaupt?" Die Frage wird manchem beim Anblick dieses altbekannten und doch fremden Instruments in den Sinn kommen. Die Rede ist von einer Geige aus Karbon. Um es gleich vorwegzunehmen: Sie klingt.

Geigen, Musikinstrumente überhaupt, sind das Letzte, das einem in den Sinn kommt, wenn man die Rutesheimer Firma A-I-R (Aeronautic Innovation Rühle) betritt. Schiebt man sich doch in einem hohen, großen Raum vorbei an Tragflächen - in Felix Rühles Firma werden "Hightech-Fluggeräte" gebaut. Den Geruch nach Holz, nach Instrumentenlack oder all die kleinen Werkzeuge für den Geigenbau gibt es hier nicht.

Kein Wunder: Geschäftsführer Rühle ist Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. Ebenso Dr. Hermann Hald und Jürgen Molly, der eine arbeitet beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, der andere hat sein aktives Berufsleben bereits hinter sich. Vor gut drei Jahren haben sich die drei, die sich schon lange kennen, zusammengetan, um sich gemeinsam in unbekannte Welten vorzuwagen. Doch was hat sie getrieben, sich einem so gänzlich anderen Feld wie dem Instrumentenbau zuzuwenden? "Der Reiz der neuen Herausforderung", sagt Hermann Hald. Es war die immerwährende Neugier des Ingenieurs, etwas Neues, vielleicht Verrücktes, auszuprobieren. In diesem Fall: zu testen, ob sich Kohlenstoff (Karbon), wie er in der Luft- und Raumfahrttechnik seit Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend angewandt wird, auch für den Geigenbau eignet.

Den Anstoß dazu hatte Halds Frau Heide schon vor rund 25 Jahren gegeben. Die Berufsgeigerin brachte ihren Mann auf die Idee, ein Instrument aus Karbon zu bauen. Gegenüber den Modellen, die in den vergangenen drei Jahren entstandenen sind, nimmt sich dieser Ur-Prototyp geradezu provisorisch aus. Ist doch nur der Korpus aus Karbon, an den ein Hals aus Holz angesetzt ist.

Mehr als zwei Jahrzehnte, fünf Geigen und unzählige Arbeitsstunden später ist daraus ein ausgewachsenes Instrument geworden. Äußerlich unterscheidet sich die Karbongeige von der Holzgeige durch ihre Anthrazitfarbe und durch die deutlich erkennbare Gewebestruktur des Werkstoffs. Außerdem haben die drei Ingenieure für die F-Löcher eine schlichtere Form gewählt und der Schnecke ihre Schneckenform genommen.

Wohl haben die Rutesheimer mit dem Stuttgarter Michael Kaufmann von Anfang an einen "normalen" Geigenbauer mit ins Boot geholt. Doch klassische Geigenbauerkunst ist bei der Karbongeige nicht gefragt. Niemand muss die nassen Zargen am heißen Eisen biegen, die Schnecke schnitzen oder Boden und Decke mit kleinsten Hobeln in die richtige Stärke bringen. Das bedeutet nicht, dass weniger Handarbeit nötig ist. Bei Diamo - so soll die neue Firma heißen - gibt es für alle "Bauteile" eine eigens gefertigte Außenform aus Kunststoff, in die das Karbongewebe, das wie ein grober Stoff aussieht, eingepasst wird. Mehrere Schichten ergeben so, getränkt mit Harz, den Boden, die Decke, den Hals oder die Zargen des Instruments.

"Wir haben unseren Ingenieursdaumen angelegt", sagt Hermann Hald lachend dazu, wie die Stärke des Korpus oder die Wölbungen der Außenform austariert wurden. Aber natürlich war vorab viel Analyse nötig, viele Zeichnungen und viele Überlegungen zur Stärke oder zu den Schwingungen des Materials. Sind alle Teile ausgehärtet, werden sie mit Harz zum Instrument verklebt. Auch "das Äußere braucht viel Zeit", haben die Ingenieure bei der schrittweisen Weiterentwicklung ihrer Prototypen festgestellt. Beispielsweise sei es "höchste Kunst", mit "Sichtlaminaten", also mit der sichtbaren Gewebestruktur, zu arbeiten, erklärt Hald. Und das fünfte Modell - es ist zu Weihnachten fertig geworden - wurde als erstes auch lackiert. Und soll als erstes in den Verkauf gehen.

Eines ist den etwas anderen Geigenbauern dabei wichtig: "Wir wollen nicht missionieren, wir wollen nichts kopieren oder die Holzgeige verdrängen", betont Hermann Hald. Zwar habe man von 500 Jahren Geigenbau profitiert, sagt Jürgen Molly. Dennoch "müssen wir uns eigenständige Gedanken machen". Und: "In der Geigenbautradition wurde immer experimentiert. Hätte es den Werkstoff schon gegeben, hätte es Stradivari sicher auch mit Karbon probiert", ist Hald überzeugt. Jetzt sind die drei erst einmal gespannt, ob ihr Instrument Anklang findet. Während Geigenbögen aus Karbon bereits etabliert sind, sind Karbongeigen noch äußerst rar. Den Rutesheimern ist nach eigenem Bekunden kein Beispiel bekannt, das so weit gediehen ist wie ihr Instrument. Immerhin ist vor vier Jahren auf der Münchner Materialica schon eine Karbongeige vorgestellt worden. Und auch das Online-Wörterbuch Wikipedia erwähnt Karbongeigen, allerdings ohne weitere Angaben.

Die Berufsmusikerin Heide Hald geht davon aus, dass es gegenüber der Karbongeige "zwei Lager geben wird". Sie selbst spielt sie ebenso gern wie die Holzgeige, je nach Stimmung, Stück oder äußeren Umständen greift sie zum einen oder anderen Instrument. Ein paar Vorteile sieht sie allerdings bei der Karbongeige: Da das Material nicht "lebt", wie das bei Holz der Fall ist, ist es auch unempfindlich gegenüber Temperatureinflüssen oder Feuchtigkeit. Auch spricht sie schneller an als herkömmliche Instrumente, muss nicht so häufig gestimmt und nicht eingespielt werden. Vom Klang her wird es wohl eine Frage der persönlichen Vorliebe sein, wer welchem Instrument den Vorzug gibt. Prototyp Nummer vier und fünf jedenfalls klingen wie "richtige" Geigen: Sie haben viel Volumen und einen sowohl weichen und warmen als auch klaren Klang.